Die Energiewende in Österreich steht vor einer logistischen Reifeprüfung. Während der Ausbau von Photovoltaik- und Windkraftanlagen optisch das Bild der neuen Stromlandschaft prägt, offenbart der Blick auf die realen Erzeugungsdaten eine unbequeme Wahrheit: Fällt das traditionelle Rückgrat der heimischen Stromversorgung – die Wasserkraft – wetterbedingt ab, gerät das System ins Wanken. Die jüngsten Zahlen des Übertragungsnetzbetreibers Austrian Power Grid (APG) für den April zeigen, dass die alternativen Erneuerbaren die Lücke derzeit noch nicht schließen können. Die Folge sind eine steigende Importabhängigkeit und teure Noteingriffe im Stromnetz.
Die österreichische Stromerzeugung stützt sich zu mehr als 60 Prozent auf Wasserkraft – doch zunehmende Wetterextreme setzen diesem Fundament spürbar zu. 2025 zählte bereits zu den niederschlagsärmsten Jahren, und 2026 entwickelt sich noch schlechter. Im April lag die Produktion um 12,4 Prozent unter dem Vorjahr. Sinkt die Wasserkrafterzeugung, steigt Österreichs Abhängigkeit von Stromimporten – wie im April. Damit Sonne und Wind die Trockenheit kompensieren könnten, müssten sie abgestimmt mit Netzen und Speichern massiv ausgebaut werden. Ergänzend braucht es eine intelligente Steuerung des Stromsystems, um mit Flexibilitäten – auch von Kundenseite – die Volatilitäten von Wind und Sonne auszugleichen.
Gerhard Christiner, Vorstandssprecher von Austrian Power Grid (APG)
Der trockene April und seine Folgen
Der April (Kalenderwochen 14 bis 18) präsentierte sich in Österreich als extrem niederschlagsarm. Was Ausflügler:innen freute, bescherte den heimischen Lauf- und Speicherkraftwerken einen massiven Einbruch: Die Wasserkraftproduktion ging im Vergleich zum Vorjahr um deutliche 12,4 Prozent zurück. Da die österreichische Stromerzeugung zu mehr als 60 Prozent auf dieser Technologie fußt, wiegt dieser Rückgang schwer. Insgesamt sank die gesamte erneuerbare Produktion im Jahresvergleich um 5,1 Prozent auf 4.634 Gigawattstunden (GWh).
Dabei zeigt sich ein besorgniserregender Trend: Das Jahr 2025 ging bereits als eines der niederschlagsärmsten Jahre in die Geschichte ein, und das aktuelle Jahr 2026 setzt diese Negativentwicklung nahtlos fort. Die zunehmenden Wetterextreme setzen dem gewohnten Fundament der österreichischen Stromarchitektur spürbar zu.
Photovoltaik-Boom reicht als Kompensation nicht aus
Zwar verzeichnete die Photovoltaik dank des sonnigen Frühlingswetters ein kräftiges Plus von 18,1 Prozent und steigerte ihre Leistung von Woche zu Woche. Die Windkraft hingegen präsentierte sich extrem volatil und lag letztlich sogar um 1,3 Prozent unter dem Vorjahreswert. Das Hauptproblem liegt jedoch in der Produktionscharakteristik der Solarenergie. Da Photovoltaikanlagen naturgemäß nur tagsüber bei Sonnenschein Höchstleistungen erbringen, können sie den kontinuierlichen, bandfähigen Stromausfall der Wasserkraft – insbesondere in den Abend- und Nachtstunden – nicht adäquat kompensieren. Um die Defizite auszugleichen, musste Österreich im April vermehrt auf Stromimporte zurückgreifen.
Teure Netzeingriffe auf Rekordniveau
Die Volatilität von Wind und Sonne gepaart mit regionalen Engpässen zwingt die Netzbetreiber zu immer häufigeren Notmaßnahmen, dem sogenannten Redispatch. An insgesamt 19 Tagen des Monats musste die APG regelnd eingreifen, um das Stromnetz stabil zu halten (im Vorjahr waren es 16 Tage). Die kumulierten Kosten für dieses Engpassmanagement beliefen sich bis Ende April auf stolze 17,6 Millionen Euro – exakt auf dem historisch hohen Niveau des Vergleichszeitraums 2025. Besonders paradox: Während an einer Stelle Strom importiert werden muss, geht an anderer Stelle sauberer Strom verloren. Durch das notwendige Abregeln von Anlagen, um Netzüberlastungen zu verhindern, wurden im April 1.448 Megawattstunden (MWh) Strom schlichtweg weggeworfen. Betroffen war vor allem Laufwasser (1.000 MWh), der Rest entfiel auf Windkraftanlagen.
Diese Gemengelage sorgt für einen Ruf nach einem ganzheitlichen Systemverständnis, um derartige wetterbedingte Schwankungen zukünftig ausgleichen und darauf adäquat reagieren zu können.
NH
