KI im Marketing: Wie 24 Leitfragen einen verantwortungsvollen Umgang schaffen

KI erobert unseren Arbeitsalltag, doch rechtliche Fragen sind häufig noch offen. Ein neu entwickelter Leitfaden mit 24 Leitfragen soll Marketingabteilungen dabei helfen KI verantwortungsvoll einzusetzen.


Rechtliche Fragen rund um die Anwendung von Künstlicher Intelligenz gewinnt auch im Marketing an Bedeutung. Von Experten wurden nun 24 Leitfragen als Lösung entwickelt © pexels

Künstliche Intelligenz gehört in Agenturen und Marketingabteilungen längst zum Arbeitsalltag. Dennoch sind viele der organisatorischen, rechtlichen und praktischen Konsequenzen ihres Einsatzes noch nicht ausreichend in den Arbeitsabläufen verankert. Genau diesem Spannungsfeld widmete sich die Veranstaltung „MarTech trifft Ethics & Compliance“ in Wien. Im Rahmen des Expertentalks präsentierten die Österreichische Marketing-Gesellschaft (ÖMG), die Fachgruppe Werbung & Marktkommunikation Wien und Schiefer Rechtsanwälte erstmals die neuen „MarTech, Ethics & Compliance Cards“ – ein praktisches Set aus 24 konkreten Fragen für fundierte Entscheidungen im Prozess zwischen Prompt und Veröffentlichung.

Spannungsfeld zwischen Innovationsdruck und rechtlicher Verantwortung

Die Möglichkeiten moderner KI-Systeme wachsen rasant, doch gleichzeitig steigen die Anforderungen an Transparenz, Datenschutz und Haftung. Bei dem Event diskutierten die KI-Kreativ-Expertin Stephanie Meisl, Mag. Stefan Tauber von Schiefer Rechtsanwälte und Roland Grafl von der Fachgruppe Werbung & Marktkommunikation Wien unter der Moderation von ÖMG-Vorständin Sabrina Oswald mit dem Fachpublikum über die drängendsten Fragen der Branche.

Besonders der Umgang mit Unternehmens- und Kundendaten wirft im Alltag organisatorische Hürden auf. Das Themenspektrum reichte von zulässigen Systemen und Datenquellen über Risiken durch inoffiziell genutzte Software (Shadow AI) bis hin zu den Potenzialen abgesicherter RAG-Systeme und unternehmenseigener Wissensräume. Die neuen Cards fordern in diesem Zusammenhang klare Berechtigungen, geprüfte Speicher- und Trainingseinstellungen sowie die ausschließliche Nutzung freigegebener KI-Anwendungen. Zudem wurde deutlich, dass europäische Vorgaben wie der AI Act und die DSGVO keineswegs bloße Aufgaben für die Rechtsabteilung darstellen. Sie verändern die tägliche Praxis von Marketingteams unmittelbar, weshalb Rollenverteilungen, Freigabeprozesse und Transparenzpflichten fest im Arbeitsablauf verankert werden müssen.

KI ist im Marketing längst angekommen – die passenden Spielregeln im Arbeitsalltag oft noch nicht. Es geht daher nicht darum, KI zu bremsen, sondern darum, sie professionell einzusetzen: mit klaren Verantwortlichkeiten, sicheren Daten, geprüften Inhalten und einem Bewusstsein dafür, wo rechtliche Grenzen liegen. Die 24 Cards sollen genau diese Lücke schließen – nicht mit noch mehr Theorie, sondern mit den richtigen Fragen im richtigen Moment.

Mag. Stefan Tauber von Schiefer Rechtsanwälte

Europäisches Selbstbewusstsein: Innovation durch professionelle Routinen

Trotz der rechtlichen Komplexität sprach sich das Fachpublikum nachdrücklich gegen eine reine Risikoperspektive aus. Europa dürfe die Technologie nicht ausschließlich kritisch betrachten, sondern müsse Regulierung und Verantwortung als stabile Grundlage nutzen, um Innovation, Produktivität und neue Wertschöpfungsmodelle voranzutreiben.

Wir müssen weg von der Vorstellung, dass wir uns zwischen Innovation und Verantwortung entscheiden müssen. Die entscheidende Frage ist, wie wir KI so in Marketingorganisationen integrieren, dass wir ihre Möglichkeiten wirklich nutzen können und gleichzeitig wissen, mit welchen Daten wir arbeiten, wer Entscheidungen trifft und wer Verantwortung übernimmt. Dafür brauchen wir nicht nur Regeln, sondern neue Routinen und mehr KI-Kompetenz im Arbeitsalltag.

Roland Grafl, Fachgruppen Obmann Stellvertreter der Fachgruppe Werbung & Marktkommunikation Wien

24 Leitfragen als Lösung

Unser Anspruch als Marketing Think Tank ist es, Entwicklungen nicht nur zu diskutieren, sondern daraus konkrete Hilfestellungen für die Marketingpraxis zu entwickeln. Die 24 Cards machen komplexe Fragestellungen greifbar und bringen sie dorthin, wo sie entschieden werden: in den Arbeitsalltag von Marketer:innen und Agenturen.

Sabrina Oswald, ÖMG-Vorständin

Die von der ÖMG konzipierten und von Schiefer Rechtsanwälte juristisch geprüften Cards fungieren nicht als trockenes Regelwerk, sondern als praxisnaher Leitfaden. Sie decken unter anderem Themen wie KI-Kennzeichnung, Urheber- und Persönlichkeitsrechte, Lizenzen, Trainingsdaten, Bias, Dark Patterns sowie einen finalen Check vor der Veröffentlichung ab. Ziel ist es, Marketingteams im passenden Moment zu hinterfragen, ob Rechte geklärt sind, Fakten überprüft wurden und eine menschliche Kontrolle (Human Review) stattgefunden hat.

Die Cards werden ab nächster Woche zum Download auf www.markertinggesellschaft.at zur Verfügung stehen.

NH