Strabag und TU Wien zeigen Potenzial für mehr Nachhaltigkeit am Bau

Die gemeinsame Studie der Strabag und TU Wien beleuchtet die heimischen Materialströme, analysiert die Chancen von Recycling sowie Wiederverwendung (Re-Use) und definiert konkrete Handlungsfelder für die Zukunft.


Das Bauunternehmen Strabag zeigt in einer gemeinsamen Studie mit der TU Wien Potenziale für mehr Nachhaltigkeit im Bau auf © pexels

Der Bausektor gehört zu den ressourcenintensivsten Wirtschaftszweigen überhaupt. Um das Ziel der Klimaneutralität in Österreich bis 2040 zu erreichen, steht die Branche vor einem grundlegenden Wandel. Wie eine aktuelle Studie des Bauriesen Strabag in Kooperation mit der Technischen Universität (TU) Wien zeigt, birgt die österreichische Bauwirtschaft enorme Potenziale für mehr Nachhaltigkeit, hinkt bei der flächendeckenden Umsetzung einer echten Kreislaufwirtschaft jedoch noch deutlich hinterher.

Hohes Abfallaufkommen und der riesige „Baustoff-Rucksack“

Die Zahlen der Studie verdeutlichen die gewaltigen Dimensionen des Rohstoffverbrauchs: Jährlich fallen in Österreich rund 49 Millionen Tonnen Bauabfälle an. Obwohl Bau- und Abbruchabfälle bereits zu 78 Prozent stofflich verwertet werden, geschieht ein erheblicher Teil davon lediglich in Form von Downcycling. Gleichzeitig wachsen die verbauten Strukturen in Form von Gebäuden, Straßen und Infrastruktur jedes Jahr um etwa 77 Millionen Tonnen an Baustoffen an.

Statistisch gesehen trägt somit jeder Mensch in Österreich einen sogenannten „Baustoff-Rucksack“ von rund 360 Tonnen mit sich herum. TU-Professor Helmut Rechberger betont in diesem Zusammenhang, dass über Jahrzehnte ein gigantisches Lager an Baumaterialien entstanden sei. Um dieses künftig sinnvoll im Kreislauf zu führen, brauche es moderne Recyclingtechnologien, präzisere Daten zur Materialzusammensetzung sowie angepasste Rahmenbedingungen.

Die österreichische Bauwirtschaft ist noch weit davon entfernt, flächendeckend zirkulär zu bauen. Gemeinsam mit der TU Wien haben wir jetzt eine belastbare Grundlage geschaffen, um notwendige Standards weiterzuentwickeln, regulatorische Rahmenbedingungen anzupassen und den Wandel hin zu einer echten Kreislaufwirtschaft im Bauwesen zu beschleunigen.

Stefan Kratochwill, Strabag-CEO

Bodenaushub als größtes ungenutztes Potenzial

Das mit Abstand größte ungenutzte Potenzial identifiziert die Untersuchung beim Bodenaushub. Dieser macht mit etwa 38 Millionen Tonnen pro Jahr rund 57 Prozent des gesamten österreichischen Abfallaufkommens aus und bildet damit den größten einzelnen Abfallstrom der Bauwirtschaft. Rein technisch ließen sich rund 90 Prozent des Bodenaushubs verwerten, derzeit werden jedoch nur 21 Prozent stofflich genutzt – und auch das meist nur als untergeordnete Untergrundfüllung (Downcycling). Knapp 60 Prozent des Aushubs landen auf Deponien, während der Rest statistisch unter Lagerveränderungen oder sonstige Abfallbehandlungen fällt.

Da die Deponiekapazitäten zunehmend unter Druck geraten, sieht die Studie vor allem beim Gesetzgeber dringenden Handlungsbedarf. Durch die Anpassung regulatorischer Rahmenbedingungen sowie gezielte Förderungen für die Erforschung neuer Verwertungswege könnten wertvolle Ressourcen geschont und CO2-Emissionen maßgeblich gesenkt werden.

Re-Use als Wirtschaftsfaktor: Günstiger und klimafreundlicher

Neben dem klassischen Recycling bietet auch die systematische Wiederverwendung (Re-Use) ganzer Bauteile erhebliche Chancen. Obwohl diese Methode derzeit kaum flächendeckend angewendet wird, zeigen untersuchte Referenzprojekte das immense Einsparpotenzial:

  1. Emissionsreduktion: Durch Re-Use lassen sich CO2-Einsparungen von bis zu 91 Prozent erzielen.
  2. Kostenvorteil: Wiedergewonnene Materialien sind teilweise um rund 20 Prozent günstiger als fabrikneue Produkte.
  3. Lebenszykluskosten: Kreislaufoptimierte Gebäude können über ihre gesamte Lebensdauer hinweg sogar geringere Gesamtkosten verursachen als konventionelle Bauwerke.

TU-Professorin Iva Kovacic hebt hervor, dass der Schlüssel für das erfolgreiche Hochskalieren des zirkulären Bauens vor allem in der Wiederverwendung von Primärkonstruktionen und tragenden Bauteilen liegt, da sich genau hier die größten Materialmassen befinden.

NH