Vor genau 20 Jahren legte Wien Energie den Grundstein für eine klimafreundliche Kühlinfrastruktur in der Bundeshauptstadt. Was im Jahr 2006 mit dem ersten Liefervertrag und der Inbetriebnahme der ersten Zentrale in TownTown im Erdberger Stadtteil als Nischenthema begann, hat sich inzwischen zu einer zentralen Säule der städtischen Versorgung entwickelt. Mittlerweile betreibt Wien Energie 25 Kältezentralen – davon 8 mit direktem Netzanschluss und 17 als lokale Einheiten – und versorgt über ein 33 Kilometer altes und stetig wachsendes Leitungsnetz bereits etwa 300 Gebäude. Angesichts anhaltender Hitzewellen treibt das Unternehmen den Ausbau nun massiv voran und investiert bis zum Jahr 2030 stolze 100 Millionen Euro in das System.
Meilensteine in der Innenstadt und prominente Abnehmer
Das Fernkältenetz in Wien macht drei Viertel des gesamten österreichweiten Kältenetzes aus. Nach den Anfängen im Erdberger Viertel folgten rasch weitere wichtige Kältezentralen in der Spittelau und am Schottenring. Einen entscheidenden Meilenstein markierte der Ringschluss des 4,7 Kilometer langen Fernkälterings im Jahr 2024, der die Voraussetzung für eine flächendeckende Kühlung der Wiener Innenstadt schuf. Heute profitieren zahlreiche prominente Institutionen und Wahrzeichen von der unterirdischen Kühlleistung, dazu zählen unter anderem:
- Öffentliche Bauten & Kultur: Das Wiener Rathaus, die Universität Wien, das Naturhistorische Museum und das Musicaltheater Ronacher.
- Gesundheit & Gastronomie: Das Allgemeine Krankenhaus (AKH), das Hotel Sacher sowie das traditionelle Café Central.
- Wohnquartiere: Moderne Wohngebäude im Althan Park und im Nordbahnviertel.
Mit der Fernkälte zeigen wir, wie aus einer innovativen Idee ein wichtiges Stück Infrastruktur für eine wachsende Stadt werden kann. Gerade während Hitzewellen wie der aktuellen ist eine effiziente und klimafreundliche Kälteversorgung von besonderer Bedeutung. Egal ob Kliniken, Museen, Bürogebäude oder Kinos: Die Wiener*innen profitieren mittlerweile in über 300 Gebäuden von der Fernkälte und wir sind noch lange nicht am Ziel.
Sascha Zabransky, Geschäftsführer von Wien Energie
Hitzerekorde steigern den Kühlbedarf drastisch
Die Dringlichkeit einer flächendeckenden Kühlung wächst mit den sichtbaren Folgen des Klimawandels. Der Rekordsommer 2024 brachte in der Wiener Innenstadt mehr als 50 Tropennächte mit sich, gefolgt vom Sommer 2025, der ebenfalls als einer der zehn heißesten der Messgeschichte einging. Ende Juni des laufenden Jahres stiegen die Temperaturen in Wien erstmals auf die Marke von 40 Grad Celsius, und auch in der aktuellen Hitzewelle klettern die Werte regelmäßig über 35 Grad.
Diese Extremtemperaturen schlagen sich direkt im Energieverbrauch nieder: Klettert das Thermometer während einer Hitzewelle von 25 auf 35 Grad Celsius, schnellt der Fernkälte-Bedarf schlagartig um 60 Prozent nach oben. Auch europaweit verdoppelte sich laut Eurostat der Energieeinsatz in Haushalten zur Kühlung im Zeitraum von 2018 bis 2024. Ulli Sima, Stadträtin für Stadtentwicklung, Mobilität und Wiener Stadtwerke, betont daher, dass die Stadt und Wien Energie kontinuierlich daran arbeiten, diese enormen Nachfragespitzen zuverlässig zu decken.
An Hitzetagen, wie wir sie jetzt erleben, steigt der Fernkälte-Bedarf um bis zu 60%. Die Stadt Wien und Wien Energie arbeiten laufend daran die Nachfrage zu decken und auszubauen. Mit einem Fernkältenetz von rund 33 Kilometer hat Wien rund drei Viertel des österreichweiten Fernkältenetzes.
Ulli Sima, Stadträtin für Stadtentwicklung, Mobilität und Wiener Stadtwerke
So funktioniert die grüne Kühltechnik
Fernkälte basiert auf einem geschlossenen, umweltfreundlichen Kreislauf. In den Kältezentralen wird kaltes Wasser erzeugt und über unterirdische Leitungen zu den angeschlossenen Gebäuden gepumpt. Dort nimmt das Medium die überschüssige Wärme aus den Räumen auf und fließt zurück in die Zentralen, um erneut abgekühlt zu werden. Im Gegensatz zu herkömmlichen Klimaanlagen gibt dieses System keine Abwärme an die direkte Umgebungsluft ab, wodurch sich die Straßen und Plätze der Stadt nicht zusätzlich aufheizen. Zudem entfallen laute Rückkühler auf den Dächern, was Platz spart und den Denkmalschutz schont.
Für die Erzeugung nutzt Wien Energie primär Ökostrom sowie sommerliche Abwärme aus den Müllverbrennungsanlagen, die mangels Heizbedarfs im Sommer andernfalls ungenutzt bliebe. Zusätzlich dient der Donaukanal als natürlicher Wärmetauscher. Das Fernkälte-Wasser gibt seine Wärmeenergie direkt an den Fluss ab. Im Winter reicht die niedrige Wassertemperatur des Donaukanals phasenweise sogar aus, um die Gebäude komplett ohne maschinellen Aufwand zu kühlen.
Ein modernes Energiesystem muss Strom, Wärme und zunehmend auch Kälte gemeinsam denken. Die Fernkälte ist dafür ein Paradebeispiel: Sie nutzt vorhandene Ressourcen wie Abwärme oder die natürliche Kühlleistung des Donaukanals und macht Energie mehrfach nutzbar. Verantwortung zu übernehmen bedeutet für die Wiener Stadtwerke, langfristig zu denken und entschlossen in die Lebensqualität der Menschen heute und künftiger Generationen zu investieren.
Peter Weinelt, Generaldirektor der Wiener Stadtwerke
Großinvestition und Wiens größter Eiswürfel
Um die Zukunftssicherheit der Millionenstadt zu gewährleisten, plant Wien Energie eine deutliche Leistungsteigerung. Bis 2030 werden 100 Millionen Euro in den Ausbau der Fernkälte investiert, um auch die installierte Kälte-Leistung von aktuell 250 Megawatt auf 370 Megawatt zu erhöhen.
Ein technologisches Highlight im Netz ist der im Sommer 2025 in Betrieb genommene Eisspeicher an der neuen Zentrale am MedUni Campus in der Mariannengasse. Dabei handelt es sich um einen isolierten Container voll Wasser, das über kühlmittelgefüllte Schläuche zu Wiens mutmaßlich größtem Eiswürfel gefroren wird. Dieser XXL-Speicher hilft dabei, Verbrauchsspitzen in den heißen Mittagsstunden abzufangen und die Kältemaschinen über den Tagesverlauf hinweg deutlich effizienter zu betreiben.
NH
