Wasser galt in Österreich über Jahrzehnte hinweg als eine unerschöpfliche und selbstverständliche Ressource. Doch angesichts anhaltender Trockenheit, schrumpfender Flüsse und außergewöhnlicher Hitze gerät dieses tief verankerte Selbstverständnis zunehmend ins Wanken. Eine aktuelle, repräsentative Studie des Digital Research Instituts Marketagent belegt ein massiv gestiegenes Problembewusstsein. Fast die Hälfte der Befragten sorgt sich mittlerweile um die heimische Trinkwasserversorgung, während eine breite Mehrheit handfeste Engpässe in der nahen Zukunft erwartet.
Wichtigste Errungenschaft und kritischer Blick auf Entwicklungen
Der Zugang zu sauberem Trink- und Quellwasser steht für 84% der Bevölkerung unangefochten an der Spitze der wertvollsten Errungenschaften des Landes – noch vor der umfassenden Gesundheitsversorgung und der hohen Luftqualität (jeweils 71 %). Ein Blick auf die Zahlen der Neuauflage der erstmals 2023 durchgeführten Untersuchung offenbart jedoch, wie drastisch sich die öffentliche Wahrnehmung innerhalb von nur drei Jahren verschoben hat. Mittlerweile fast die Hälfte der Befragten die gegenwärtige Verfügbarkeit von Wasser und Trinkwasser als problematisch – im Jahr 2023 lag dieser Wert noch bei vergleichsweise niedrigen 24%. Dementsprechend wächst auch die Angst vor der Zukunft. Nahezu die Hälfte der Österreicher:innen sorgt sich um die aktuelle Trinkwasserversorgung im Land und fast zwei Drittel rechnet zudem mit Problemen bei der heimischen Wasserverfügbarkeit in den nächsten zehn Jahren.
Wasserknappheit ist für viele Menschen mittlerweile kein abstraktes Zukunftsszenario mehr. Ausgetrocknete Böden, niedrige Pegelstände und außergewöhnliche Hitze machen die Entwicklung unmittelbar sichtbar. Das schlägt sich deutlich in den Ergebnissen nieder: Die Sorge um die Wasserversorgung ist seit unserer ersten Erhebung stark gestiegen, und eine klare Mehrheit rechnet damit, dass Österreich innerhalb der nächsten zehn Jahre mit Problemen konfrontiert sein wird.
Thomas Schwabl, Gründer und Geschäftsführer von Marketagent
Wahrnehmung im Alltag: Trockenheit und sinkende Pegelstände
Die aktuellen Studienergebnisse treffen auf eine Realität, in der die Folgen der Klimaveränderung direkt erlebbar werden. Nach einem extrem trockenen Winter und einem deutlich zu niederschlagsarmen Frühjahr folgte bereits im Juni eine außergewöhnliche Hitzewelle. Infolgedessen schätzen 57% der Befragten die diesjährige Niederschlagsmenge im Vergleich zu den vergangenen fünf Jahren als deutlich geringer ein. Zudem sehen 61% darin keineswegs eine vorübergehende Wetteranomalie, sondern vielmehr eine nachhaltige Entwicklung.
Auch an den heimischen Gewässern bleibt der Mangel nicht unbemerkt. Beachtliche 83 Prozent der Bevölkerung registrieren Veränderungen bei den Wasserständen. Über 40% der österreichischen Bevölkerung nimmt einen deutlichen Pegelrückgang bei Seen und Flüssen wahr.
Sorgenfeld Ökologie: Waldbrandgefahr und Landwirtschaft im Fokus
Neben der reinen Trinkwasserversorgung befürchtet die Bevölkerung vor allem dramatische ökologische und wirtschaftliche Kettenreaktionen. Sagenhafte 92% der Befragten erwarten, dass die zunehmende Wasserknappheit in den kommenden zehn Jahren die Gefahr von Waldbränden massiv erhöhen wird. Zudem rechnen 9 von 10 Personen mit spürbaren Beeinträchtigungen für die heimische Landwirtschaft. Sogar eine direkte Gefährdung der menschlichen Gesundheit durch fehlendes Trinkwasser hält mittlerweile mehr als die Hälfte der Österreicher (56 %) für ein wahrscheinliches Szenario. Andrea Berger, Research & Communications Manager bei Marketagent, unterstreicht dazu, dass die Bevölkerung sehr genau verstehe, welche weitreichenden Gefahren für Umwelt, Energieversorgung und den eigenen Alltag mit dem Wassermangel einhergehen.
Wasserknappheit ist weit mehr als ein Thema der Trinkwasserversorgung. Die Menschen sehen sehr klar, welche Kettenreaktionen damit verbunden sein können: Die große Mehrheit rechnet mit einer steigenden Waldbrandgefahr, Beeinträchtigungen für die Landwirtschaft aber auch die Energieversorgung. Damit wird deutlich, dass Wasser als zentrale Ressource für unsere Umwelt, unsere Versorgungssicherheit und letztlich unseren Alltag wahrgenommen wird.
Andrea Berger, Research & Communications Manager bei Marketagent
Fehlschätzung beim eigenen Verbrauch
Trotz der Sorgen hinkt das Wissen über den eigenen Konsum der Realität hinterher. Zwar geben mittlerweile 86 Prozent an, im Alltag zumindest ein wenig auf ihren Wasserverbrauch zu achten (2023: 82 %). Allerdings unterschätzen die Österreicher ihren tatsächlichen Tagesverbrauch drastisch: Im Schnitt schätzen die Befragten ihren persönlichen Konsum auf nur 85 Liter pro Tag. In der Realität liegt dieser Wert laut dem Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft jedoch bei rund 130 Litern.
Bereitschaft zu harten Sparmaßnahmen
Sollte sich die Lage weiter zuspitzen, zeigt sich die Bevölkerung jedoch überraschend konsequent und zustimmungsbereit gegenüber behördlichen Einschränkungen. Insbesondere dort, wo Wasser nicht zur Deckung grundlegender Lebensbedürfnisse dient, befürwortet die breite Masse strikte Verbote. In der Umfrage sprechen sich 85% für ein Autowaschverbot sowie 78% für ein Befüllverbot für private Pools.
Ein Problembewusstsein ist in der heimischen Bevölkerung damit also vorhanden. Festzuhalten bleibt, dass innerhalb von drei Jahren sowohl die Einschätzung der aktuellen Lage als auch der Blick in die Zukunft deutlich kritischer geworden ist.
NH
