Meine Tochter hat Corona – ein Erfahrungsbericht

Eine Achtjährige wird positiv auf Corona getestet. Was jetzt? Auf diese Frage hat offenbar niemand eine klare Antwort. Für WirtschaftDirekt schildert die Mutter des Mädchens ihre Odyssee.


Corona ist omnipräsent – Mund-Nasen-Schutz tragen, Abstand halten und Hände waschen sind uns mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen. Und dennoch: Über die genauen Abläufe im Falle einer Ansteckung oder als Kontaktperson weiß kaum jemand Bescheid. Man nimmt an, dass im Fall des Falles die Informationen schon kommen werden.
Wie das Prozedere derzeit aussieht, zeigt der Erfahrungsbericht einer betroffenen Mutter aus Wien, deren achtjährige Tochter positiv getestet wurde. Eines geht daraus klar hervor: Die erfolgreiche Pandemiebekämpfung hängt aktuell maßgeblich von der Eigenverantwortung der Bevölkerung ab und damit auch von der Information, die man ihr zur Verfügung stellt.

Donnerstag, 29.Oktober 2020

Ich befinde mich mit meinen Töchtern, meinem Neffen und meiner Mutter gerade auf einem Ausflug. Wir genießen das beginnende lange Wochenende, das Herbstwetter und die Ruhe im schönen Niederösterreich, als ein folgenschwerer Anruf unsere Idylle stört: Meine Freundin meldet sich mit der Information, dass ihre Tochter soeben positiv getestet wurde. Das Mädchen hatte erst vor wenigen Tagen bei uns übernachtet und bei meiner Mutter Nachhilfeunterricht bekommen. Wir gelten somit alle – mit Ausnahme meines Neffen – als K1-Personen, also als Kontaktpersonen mit hohem Risiko. Nachdem wir uns versichert haben, dass es dem Mädchen gut geht (sie hat zu diesem Zeitpunkt nur schwache Symptome) tauchen diverse Fragen auf. Müssen wir uns nun isolieren, testen, das verlängerte Wochenende sofort abbrechen? Wo müssen wir uns hinwenden?

Also Handy gezückt und die wohlbekannte Auskunftsnummer 1450 angerufen. Dort informiert man mich, dass ich mich doch mit meinen Fragen an das Info-Telefon der AGES wenden soll. Gesagt, getan. Als mich die freundliche Mitarbeiterin der AGES jedoch wiederum auf 1450 verweist, beschließe ich, mir die erforderlichen Informationen auf unterschiedlichen Internetseiten selbst zu besorgen. Wie gut, dass ich mit einem funktionierenden Handy mit Internetverbindung, ausreichenden Sprachkenntnissen und einer gewissen Recherche-Erfahrung ausgestattet bin.

Wir entscheiden uns an diesem Abend, noch in Niederösterreich zu bleiben, uns dort zu isolieren und am nächsten Tag zurück nach Wien zu fahren, um uns dort einem Test zu unterziehen.

An diesem Abend bekommt meine Tochter leicht erhöhte Temperatur, die nach Verabreichung eines einschlägigen Fiebermittels schnell wieder verschwindet – nur ruhig bleiben, lautet die Devise.  

Freitag, 30. Oktober

Wir begeben uns auf eigene Faust zur Teststraße im Wiener Ernst-Happel-Stadion. Davor noch schnell das Anleitungsvideo des Roten Kreuzes studiert und mit den Kindern einen „Gurgel-Trockentest“ mit Wasser und Strohhalm durchgeführt – auf geht’s.

©WirtschaftDirekt

Der Ablauf in der Teststraße ist reibungslos, die Wartezeit nicht allzu lange und das Gurgeln bekommen wir gut hin. Nun heißt es abwarten. Zumindest 48 Stunden, wie es heißt. Also isolieren wir uns pflichtbewusst weiter und harren der Dinge.

Dienstag, 3. November, 1 Uhr Früh

Es ist so weit: wir bekommen eine SMS auf das Handy mit jeweils einem Zugangscode zu den Befunden. Erstaunlich finde ich, dass bis jetzt kein Anruf zum Contact Tracing unserer ursprünglichen Kontaktperson erfolgt ist.

Überraschenderweise bekomme ich nur drei Zugänge für vier Personen. Mit zittrigen Händen gebe ich also alle vorhandenen Codes ein – Erleichterung: wir sind negativ. Mich überkommt ein ungutes Gefühl. Warum ist der Zugangscode meiner jüngsten Tochter nicht gekommen? Klarerweise kann ich mich zu dieser Uhrzeit nicht an die telefonische Befundauskunft wenden. Es wird eine schlaflose Nacht.

Gleich in der Früh rufe ich die Befundauskunft an. Nach längerem Ausharren in der Warteschleife und Durchgabe aller Daten kommt die (bemerkenswert indifferente) Information: „Die Dame ist positiv.“

Ich atme tief durch und versuche, meine Gedanken zu sammeln. „Und was jetzt?“ frage ich die Frau am Telefon. „Halten Sie Abstand und halten Sie die Hygienemaßnahmen ein“, lautet die wenig befriedigende Antwort. Als ich die Auskunftsperson frage, wie sie sich die Isolation einer 8-jährigen „Dame“ eigentlich real vorstellt, werde ich weiterverbunden. Der junge Mann liest (sehr offensichtlich) einige Punkte von seiner Checkliste ab. Ich frage noch einmal, wie er sich das mit der Isolation vorstellt – er verweist mich auf 1450. Ich lege frustriert auf. Von einem Contact Tracing keine Spur. Niemand erwägt es, zu dem Zeitpunkt bereits zu fragen, mit wem wir in der letzten Woche Kontakt gepflegt haben.  

Für mich gibt es nur einen Fokus: Das Wohlergehen meiner Tochter. Ich bringe ihr schonend bei, dass sie positiv getestet wurde, das aber nicht schlimm sei, da sie sowieso keine Symptome hat, dass wir uns nun für einige Zeit nicht aus der Wohnung begeben und, so gut es eben geht, versuchen werden, untereinander Abstand zu halten. Sie nimmt es gefasst auf. Für’s Erste zumindest. Aber Stunde um Stunde merke ich, wie meine Tochter immer belasteter und trauriger wirkt – der körperliche Abstand ist absolut ungewohnt. Als sie sich dann weinend unter dem Tisch versteckt und nur noch „Abstand, Abstand“ ruft, werfe ich all die „guten“ Tipps und theoretischen Handlungsanweisungen über Bord – so weit kann ich mich von meinem Mutterinstinkt keinesfalls distanzieren.  Wir beschließen, in der Familie keinen Abstand zu halten, nur die Absonderung nach außen eigenverantwortlich einzuhalten (dazu gab es bis dato keinerlei Anweisung).

Es folgen einige Tage ohne jegliche Kontaktaufnahme der Behörde oder des Contact Tracings. Wir informieren eigenständig jene Personen, mit denen wir Kontakt hatten und verständigen Schule und Arbeitgeber.

Viele Tage später

Nach etwa einer Woche meldet sich zum ersten Mal die zuständige Gesundheitsbehörde und erteilt uns einen mündlichen Absonderungsbescheid – gut, dass wir uns die letzte Woche bereits selbstständig daran gehalten haben. Eine weitere Woche später meldet sich das Contact Tracing bei uns, um unsere Kontakte in den 48 Stunden vor der Positivtestung zu erfragen – gut, dass wir zu dem Zeitpunkt bzw. bereits Tage zuvor unsere Kontakte eigenständig informiert hatten.

Noch einmal fünf Tage später meldet sich das Contact Tracing bei unseren Kontaktpersonen – gut, dass diese sich zu dem Zeitpunkt bereits eigeninitiativ testen haben lassen und in Selbstisolation begeben haben.

Bis heute (22 Tage nach Positivtestung unserer Kontaktperson) hat uns das Contact Tracing unserer ursprünglichen Kontaktperson nicht kontaktiert.

Nach wie vor haben wir keinen schriftlichen Absonderungsbescheid erhalten.

Ich verstehe, dass angesichts der steigenden Zahlen die Kapazitäten der Behörden nicht ausreichen. Wenn jedoch aufgrund der Überlastung ein nahtloser Ablauf der Bürokratie nicht möglich ist, so muss zumindest sichergestellt sein, dass die betroffenen Personen ausreichend informiert werden und Handlungsanleitungen bekommen. Aus meiner Erfahrung lässt sich erkennen, dass der gesamte Prozess von der Eigenverantwortung der betroffenen Personen abhängt (Selbstisolation, Kontaktieren der Kontaktpersonen, Testung etc.). Doch: Nicht jeder hat Zugriff auf die grundlegenden Informationen, Internet-Zugang zur Recherche, ausreichende Sprachkenntnisse – oder wenigstens das Pflichtbewusstsein, hier eigenständig mitzuwirken.

Es bleibt wohl noch viel zu tun …