AIT und BOKU zeigen, wie der Klimawandel Europas und Österreichs Stromsystem verändert

Ein zunehmend auf erneuerbaren Energien basierendes und stark elektrifiziertes Energiesystem hängt naturgemäß eng mit den klimatischen Bedingungen zusammen. Daher muss die Energiewende nicht nur emissionsarm gestaltet, sondern auch vorausschauend an die fortschreitende Erderwärmung angepasst werden.


AIT und BOKU zeigen, wie der Klimawandel das heimische Stromsystem verändert © AIT

Ein Forschungsteam des AIT Austrian Institute of Technology hat nun gemeinsam mit der BOKU University untersucht, wie sich der Klimawandel auf die europäische Stromnachfrage sowie auf die erneuerbare Stromerzeugung auswirkt. Mit dem neu veröffentlichten, offenen Datensatz SECURES-Energy zeigt das Team auf, wie der Klimawandel das heimische Stromsystem grundlegend verändert. Durch die temperaturbedingten Veränderungen wird der Heizbedarf deutlich sinken, gleichzeitig wird der Kühlbedarf immens steigen. Zur Windkraft wird eine abnehmende Jahreserzeugung prognostiziert und vor allem die Wasserkraft wird zu starken Verschiebungen in Österreichs Stromsystem führen.

Das Projekt SECURES-Energy macht sichtbar, wann und wo sich europaweit Stromerzeugung und -nachfrage verschieben – und liefert damit eine transparente Grundlage für Investitionen in Netze, Speicher und Flexibilität.

Franziska Schöniger, Energieforscherin am AIT Austrian Institute of Technology

Dramatische Verschiebungen beim Heiz- und Kühlbedarf

Die Berechnungen der Forscherinnen und Forscher verdeutlichen, wie stark temperaturbedingte Veränderungen die künftige Stromnachfrage beeinflussen. Bis Mitte des Jahrhunderts steigt der Kühlbedarf in den untersuchten europäischen Ländern je nach Szenario um +80 bis +149 Prozent an. Bis zum Ende des Jahrhunderts wächst der Bedarf an Kühlung bei starkem Klimawandel sogar um bis zu +317 Prozent (bei mittlerem Klimawandel um +129 Prozent). Völlig konträr entwickelt sich der Heizbedarf: Durch die milderen Temperaturen sinkt er bis Mitte des Jahrhunderts um -19 bis -24 Prozent und geht bis Ende des Jahrhunderts um -25 bis -40 Prozent zurück.

Drei Kernbereiche der Stromerzeugung der Zukunft

Hinsichtlich der künftigen Stromerzeugung zeigen die Daten der Studie deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Energieträgern sowie regionale Besonderheiten:

  • Photovoltaik, Onshore-Wind und Laufwasserkraft: Bei diesen drei Erzeugungsformen zeichnet sich europaweit kein einheitlicher Trend ab. Stattdessen bleiben regionale Unterschiede sowie ausgeprägte Schwankungen zwischen den einzelnen Jahren die entscheidenden Faktoren für die Ertragslage.
  • Offshore-Windkraft: Im Gegensatz zur Windenergie an Land weist die Analyse bei der Offshore-Windkraft über ganz Europa hinweg auf eine klimawandelbedingt sinkende Jahreserzeugung hin.
  • Saisonalität der Wasserkraft: Die Abläufe bei der Wasserkraft verändern sich spürbar. In Österreich verschiebt sich der Wasserabfluss aufgrund veränderter Niederschlags- und Schneeschmelzemuster sowie längerer Trockenphasen tendenziell vom Sommer in den Winter. In südlicheren Ländern wie Frankreich und Spanien werden ohnehin niedrige Sommererzeugungen durch den Klimawandel noch weiter verstärkt.

Erfordernisse für ein klimafittes Energiesystem

Um die Versorgungssicherheit auch unter veränderten klimatischen Bedingungen zu gewährleisten, fordert das Forschungsteam eine gezielte regionale Differenzierung sowie die systematische Einbindung meteorologischer Daten in die strategische Netzplanung. Zudem benötigen klimaresiliente Stromsysteme verlässliche Flexibilitätsoptionen, um Erzeugungs- und Lastschwankungen effizient auszugleichen. Die aktuellen Arbeiten des AIT liefern hierfür die wissenschaftliche Grundlage, um Entscheidungsträger bei der Ausgestaltung eines robusten und zukunftsfähigen Energiesystems in Österreich und Europa zu unterstützen.

NH