Short(s) Stories: Kurze Hosen im Büro?

Für die einen ein absoluter Fauxpas – für die anderen bei sommerlicher Hitze völlig okay: Ein Pro & Contra über nackte Männerwadeln bei der Arbeit.


Über kurz oder lang finden sich für beide Seiten handfeste Argumente (© WirtschaftDirekt)

CONTRA – Wehret den Anfängen!

Kurze Hosen im Büro sind wie ein Treffen von Donald Trump mit Kim Jong-un: Alle Welt sieht hin, aber nichts Schönes. Die Bilder davon sind stets irritierend, ein wenig unheimlich und irgendwie peinlich. Dabei lassen sich solche Begegnungen wenigstens mit der Hoffnung auf Frieden in Korea rechtfertigen, was man von kurzen Hosen nun wirklich nicht behaupten kann.

Es gibt eigentlich überhaupt keinen richtigen Grund für kurze Hosen: Die richtige Stoffwahl vorausgesetzt, ist es in langen Hosen selbst im Hochsommer nur unwesentlich wärmer. Zur Entlastung bei höheren Temperaturen tragen das Hochkrempeln der Hemdsärmel, das Lockern des Krawattenknotens sowie das Schultern von Sakkos jedenfalls deutlich mehr bei.

Außerdem sehen kurze Hosen, ich versuche das mal ein wenig eleganter zu formulieren, in den allermeisten Fällen einfach Scheiße aus. Jeder heiße Sommertag liefert hunderte Beispiele dafür und das macht ihn letztlich noch unerträglicher als ein paar Grad mehr auf dem Thermometer.

Natürlich gibt es auch Ausnahmen: Falls das kurze Beinkleid mit einer der Haarigkeit dieses Themas angemessenen modischen Sorgfalt ausgewählt und mit passenden Schuhen sowie langen Stutzen kombiniert wurde, ist alles halb so schlimm.

In der Praxis ist es aber halt meistens doppelt so schlimm, denn kurze Hosen lenken den Blick auf das Schuhwerk und was sich dort dann abspielt, ergibt ein zwar oft stimmiges, aber trotzdem unschönes Bild: Man denke nur an Männersandalen. Im Büro. Mit kurzen Hosen. So wie ein Betrunkener, der auf seiner eigenen Kotze ausrutscht – stimmig, aber unschön. Und eine Demütigung für alle Beteiligten.

Geschlossene Schuhe sind im Büroalltag die ultimative Unterkante des Respekts gegenüber den eigenen KollegInnen. Ich für meinen Teil möchte jedenfalls im Büro keine Mitarbeiterzehen sehen müssen und betrachte meine offene Skepsis gegenüber kurzen Hosen daher als eine Präventionsmaßnahme. Wehret den Anfängen!

KundInnen sind so oder so vor dem Anblick von kurzen Hosen zu bewahren. Als Agentur müssen wir ständig unter Beweis stellen, was wir unter unseren Schädeldecken haben. Das sollten wir uns nicht versauen, indem wir die Aufmerksamkeit unserer Kunden darauf lenken, was wir unterhalb unserer Knie haben.

[Stefan A. Sengl]

PRO – Ein heldenhafter Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel 

Der Anblick manch entblößter Männerwade lässt liebgewonnene Gewissheiten bröckeln: Gibt es einen Gott? Und hat er den Menschen tatsächlich nach seinem Ebenbild erschaffen? Oder ist das milchig-weiße Beinfleisch in seiner teigigen Konsistenz vielleicht doch der letzte, unwiderlegbare Beweis für eine in absoluter Gleichgültigkeit würfelnde Evolution? 

Man merkt schnell, dass man sich die kurze Hose (und alles, was sie nicht zu verdecken vermag) nur schwer schönreden wird können. 

Die Argumente für die kurze Hose müssen also weiter hergeholt sein. Gott sei Dank ist – gerade noch rechtzeitig für dieses Pro und Contra – die Klimakrise in unser aller Leben getreten. Schlaflose Tropennächte vernebeln den Geist. Die Polkappen schmelzen nur so dahin. Und in wenigen Jahren schon werden die Sommertemperaturen in der Wiener Innenstadt auf demselben Niveau liegen, das heute im australischen Canberra für Schweißflecken sorgt. Natürlich können wir so tun, als ginge uns das alles nichts an. Wir können auf unsere langen Hosen bestehen, uns gemeinsam mit ihnen in unseren Büros verschanzen, wo die Klimaanlage für wohlige 18 Grad sorgt und der exorbitant ansteigende Energieverbrauch unweigerlich dazu führen wird, dass sich die Menschheit selbst den Garaus macht. 

Oder wir gestehen uns ein, dass außergewöhnliche Situationen außergewöhnliche Maßnahmen erfordern – und rufen endlich den modischen Klimanotstand aus. Die kurze Hose wird rehabilitiert. Sie ist nicht mehr modische Bankrotterklärung, sondern heldenhafter Beitrag im Kampf gegen die drohende Katastrophe. Denn um soviel Stoff erleichtert reicht es plötzlich auch, wenn die Klimaanalage auf vernünftige 24 Grad eingestellt ist. Und die werden wir wohl schaffen, mit Ökostrom. Sollte all das nicht reichen, muss auch die Diskussion über Sandalen geführt werden. Nur Kurzarmhemden bleiben tabu. Gewisse Grenzen darf man nicht überschreiten. Da soll die Welt lieber untergehen.

[Andreas Strobl]